
Seit Juli 2026 können Einkäufer digitale Assistenten losschicken, die eigenständig Produkte recherchieren, Preise vergleichen und Bestellungen auslösen. Dieser Wandel hin zu „Agentic Commerce" verändert die Spielregeln im B2B-Vertrieb grundlegend. Shopware hat mit Version 6.7.12.1 reagiert und die Funktion „AI Discovery Files pro Sales-Channel" eingeführt. Doch was bedeutet das konkret für Hersteller und Großhändler? Und wie stellen Sie sicher, dass KI-Agenten Ihren Shop überhaupt finden und verstehen?
In diesem Artikel erfahren Sie, warum AI Discovery Files für B2B-Shops relevant sind, wie die neue Shopware-Funktion arbeitet und welche fünf konkreten Schritte Sie jetzt umsetzen sollten, damit Ihr digitaler Vertriebskanal auch in der Ära autonomer Einkaufsagenten wettbewerbsfähig bleibt.
Was ist Agentic Commerce und warum ist er für B2B relevant?
Agentic Commerce beschreibt den Einsatz von KI-gestützten Agenten, die im Auftrag von Unternehmen oder Einkäufern selbstständig Beschaffungsprozesse durchführen. Anders als klassische Suchmaschinen oder Chatbots analysieren diese Agenten strukturierte und unstrukturierte Daten, vergleichen Angebote über mehrere Plattformen hinweg und treffen Kaufentscheidungen anhand vordefinierter Kriterien wie Preis, Lieferzeit, Qualität oder Nachhaltigkeit. Wo diese Agenten im Vertrieb heute schon sinnvoll eingesetzt werden, zeigt sich zunehmend auch in der Beschaffung.
Für B2B-Unternehmen bedeutet das: Kunden erwarten nicht mehr nur einen funktionierenden Onlineshop, sondern eine maschinenlesbare, strukturierte Datenbasis. Wer seine Produktinformationen, Preise und Verfügbarkeiten nicht so aufbereitet, dass KI-Agenten sie verstehen und verarbeiten können, wird in automatisierten Beschaffungsprozessen schlicht nicht berücksichtigt. Parallel dazu wird auch der Shopware Copilot zunehmend agentisch und übernimmt Aufgaben im Shop selbst.
Die Herausforderung liegt weniger in der Technologie selbst als vielmehr in der Datenqualität. Viele mittelständische Hersteller und Großhändler haben ihre Produktdaten über Jahre in ERP-Systemen, Excel-Tabellen und PDF-Katalogen abgelegt. Diese Daten sind für Menschen lesbar, für Maschinen jedoch nur schwer interpretierbar. Genau hier setzen AI Discovery Files an.
Was sind AI Discovery Files und wie funktionieren sie?
AI Discovery Files sind strukturierte Dateien, die Informationen über Ihren Shop, Ihr Sortiment und Ihre Geschäftsbedingungen in einem maschinenlesbaren Format bereitstellen. Sie funktionieren ähnlich wie eine Sitemap für Suchmaschinen, sind jedoch speziell für KI-Agenten optimiert.
Shopware hat mit Version 6.7.12.1 eine native Unterstützung für AI Discovery Files eingeführt. Die Funktion erstellt automatisch eine JSON-Datei pro Sales-Channel, die unter einer definierten URL abrufbar ist. Diese Datei enthält unter anderem:
Grundlegende Shop-Informationen (Name, Branche, Zielgruppe)
Produktkategorien und deren Struktur
Verfügbare Zahlungs- und Versandoptionen
Kontaktinformationen und Support-Kanäle
Links zu weiteren maschinenlesbaren Datenquellen (z. B. Produkt-Feeds)
KI-Agenten können diese Datei auslesen und innerhalb von Sekunden entscheiden, ob Ihr Shop für eine bestimmte Anfrage relevant ist. Fehlt diese Datei oder ist sie unvollständig, sinkt die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass Ihr Angebot überhaupt in Betracht gezogen wird.
Die Einführung dieser Funktion ist kein Marketing-Gag, sondern eine Reaktion auf einen realen Markttrend. Große Einkaufsplattformen und Procurement-Systeme setzen bereits auf KI-gestützte Prozesse. Mittelständische B2B-Anbieter, die jetzt handeln, sichern sich einen Vorsprung gegenüber Wettbewerbern, die abwarten.
Schritt 1: AI Discovery File in Shopware aktivieren und konfigurieren
Der erste Schritt ist technisch überschaubar, erfordert jedoch eine bewusste Entscheidung. In Shopware 6.7.12.1 und höher finden Sie die Funktion „AI Discovery Files" in den Einstellungen Ihres Sales-Channels. Aktivieren Sie die Funktion und prüfen Sie, welche Informationen automatisch befüllt werden.
Shopware zieht viele Daten aus bestehenden Konfigurationen: Shop-Name, Kategorien, Zahlungsarten, Versandmethoden. Dennoch sollten Sie die generierte Datei manuell überprüfen und ergänzen. Typische Schwachstellen sind:
Fehlende oder ungenaue Beschreibungen der Produktkategorien
Unvollständige Angaben zu Zielgruppen oder Branchen
Fehlende Links zu strukturierten Datenquellen wie XML-Feeds oder API-Endpunkten
Nehmen Sie sich Zeit, die Datei so zu gestalten, dass ein KI-Agent auf einen Blick versteht, was Sie anbieten, für wen und unter welchen Bedingungen. Eine gut konfigurierte AI Discovery File ist Ihre digitale Visitenkarte für autonome Systeme.
Vergessen Sie nicht, die URL der AI Discovery File in Ihrer robots.txt zu hinterlegen und ggf. in branchenspezifischen Verzeichnissen zu registrieren. Je sichtbarer die Datei, desto höher die Chance, dass KI-Agenten sie finden.
Schritt 2: Produktdaten strukturieren und anreichern
Die AI Discovery File ist nur so gut wie die Daten, auf die sie verweist. Viele B2B-Shops scheitern nicht an der Technik, sondern an unvollständigen, inkonsistenten oder schlicht fehlenden Produktinformationen. KI-Agenten benötigen strukturierte Daten, um Produkte vergleichen und bewerten zu können. Welche Daten-Lücken im Agentic Commerce besonders häufig auftreten, lohnt einen genaueren Blick.
Konkret bedeutet das:
Vollständige Produktattribute: Jedes Produkt sollte mindestens Artikelnummer, Bezeichnung, Beschreibung, Preis, Verfügbarkeit, Einheit, Gewicht und Abmessungen enthalten. Für technische Produkte sind zusätzlich Normen, Zertifikate und Materialeigenschaften relevant.
Kategorisierung nach Standards: Nutzen Sie etablierte Klassifikationssysteme wie eCl@ss, UNSPSC oder GS1. Diese Standards erleichtern KI-Agenten die Zuordnung Ihrer Produkte zu Suchanfragen erheblich.
Semantische Anreicherung: Ergänzen Sie Ihre Produktdaten um Synonyme, Anwendungsbeispiele und Einsatzgebiete. Ein „Schraubendreher" sollte auch als „Schraubenzieher" auffindbar sein. Ein „Industrieschlauch" sollte mit Anwendungsfällen wie „Lebensmittelindustrie" oder „Chemiebeständig" verknüpft sein.
Bilder und Dokumente: KI-Agenten können zunehmend auch visuelle Informationen verarbeiten. Hochwertige Produktbilder, technische Zeichnungen und Datenblätter sollten in maschinenlesbaren Formaten (z. B. PDF/A mit OCR) hinterlegt sein.
Wenn Sie noch kein Product Information Management (PIM) System nutzen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, darüber nachzudenken. Ein PIM hilft Ihnen, Produktdaten zentral zu pflegen, zu versionieren und kanalübergreifend auszuspielen. Wann sich eine PIM-Einführung im Mittelstand wirklich lohnt, hängt von Sortimentsbreite und Kanalanzahl ab. Für mittelständische Unternehmen gibt es mittlerweile auch schlanke, bezahlbare Lösungen, die sich nahtlos in Shopware integrieren lassen.
Schritt 3: Preise, Verfügbarkeiten und Konditionen transparent machen
KI-Agenten treffen Kaufentscheidungen nicht emotional, sondern auf Basis harter Fakten. Preis, Lieferzeit und Konditionen sind dabei die wichtigsten Entscheidungskriterien. Wer hier keine klaren, aktuellen Informationen liefert, fällt aus dem Raster.
Stellen Sie sicher, dass Ihre Preise in Echtzeit aus dem ERP-System synchronisiert werden. Veraltete Preise führen zu Reklamationen, Retouren und Vertrauensverlust. Warum Echtzeit-Preise im B2B-Shop über Auftrag oder Absprung entscheiden, zeigt sich schon heute. Gleiches gilt für Verfügbarkeiten: Ein KI-Agent, der dreimal auf „nicht lieferbar" stößt, wird Ihren Shop beim nächsten Mal ignorieren.
Für B2B-Kunden sind außerdem kundenspezifische Preise, Staffelpreise und Rahmenverträge relevant. Shopware bietet hier flexible Möglichkeiten, die Sie unbedingt nutzen sollten. KI-Agenten können diese Informationen auslesen und in ihre Entscheidungsfindung einbeziehen, sofern sie strukturiert hinterlegt sind.
Auch Liefer- und Zahlungsbedingungen sollten klar kommuniziert werden. Bieten Sie verschiedene Versandoptionen an? Gibt es Mindestbestellmengen? Welche Zahlungsziele gelten? All diese Informationen gehören in die AI Discovery File und sollten auf Produktebene abrufbar sein.
Transparenz schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist auch im Agentic Commerce ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
Schritt 4: API-Schnittstellen für Echtzeit-Kommunikation bereitstellen
AI Discovery Files sind ein erster Kontaktpunkt. Für tiefergehende Interaktionen benötigen KI-Agenten jedoch direkte Schnittstellen zu Ihrem System. Shopware bietet hierzu eine leistungsfähige API, die es Agenten ermöglicht, in Echtzeit Produktinformationen abzurufen, Preise zu prüfen, Warenkörbe zu erstellen und Bestellungen auszulösen.
Die Shopware Store API ist standardmäßig verfügbar und dokumentiert. Sie sollten jedoch prüfen, ob alle relevanten Endpunkte aktiviert und abgesichert sind. Typische Anwendungsfälle für KI-Agenten sind:
Produktsuche und Filterung nach Attributen
Abruf von Preisen und Verfügbarkeiten
Erstellung und Verwaltung von Warenkörben
Authentifizierung und Zugriff auf kundenspezifische Konditionen
Bestellabwicklung und Statusabfrage
Für viele mittelständische Unternehmen ist der Gedanke, externe Systeme direkt auf ihre Shop-API zugreifen zu lassen, zunächst ungewohnt. Doch genau hier liegt die Zukunft des B2B-Vertriebs. Wer seine Systeme öffnet und maschinenlesbar macht, gewinnt an Reichweite und Effizienz.
Achten Sie dabei auf Sicherheit: API-Zugriffe sollten über OAuth2 oder vergleichbare Verfahren authentifiziert werden. Rate Limiting und Monitoring helfen, Missbrauch zu verhindern und die Performance zu gewährleisten.
Schritt 5: Daten pflegen, testen und kontinuierlich optimieren
Die Einrichtung von AI Discovery Files und API-Schnittstellen ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Produktdaten ändern sich, neue Artikel kommen hinzu, Preise werden angepasst. Nur wenn Ihre Daten aktuell und korrekt sind, bleiben Sie für KI-Agenten relevant.
Etablieren Sie klare Verantwortlichkeiten für die Datenpflege. In vielen Unternehmen ist unklar, wer für Produktdaten zuständig ist: Marketing, Vertrieb, IT oder Einkauf? Ein funktionierendes Data Governance Modell schafft Klarheit und stellt sicher, dass Daten nicht nur einmal erfasst, sondern dauerhaft gepflegt werden.
Testen Sie regelmäßig, wie Ihr Shop aus Sicht eines KI-Agenten aussieht. Es gibt mittlerweile Tools und Simulatoren, die genau das ermöglichen. Nutzen Sie diese, um Schwachstellen zu identifizieren und zu beheben.
Analysieren Sie außerdem, welche Anfragen von KI-Agenten bei Ihnen eingehen und wie diese konvertieren. Shopware bietet hierzu umfangreiche Reporting-Funktionen. Nutzen Sie diese Daten, um Ihre Strategie kontinuierlich zu schärfen.
Agentic Commerce ist kein Hype, sondern eine strukturelle Veränderung im B2B-Vertrieb. Unternehmen, die jetzt die Grundlagen legen, werden langfristig profitieren.
Wie AI Discovery Files in die Plattformstrategie passen
Die Einführung von AI Discovery Files ist mehr als eine technische Anpassung. Sie ist Teil einer umfassenderen Frage: Wie positioniere ich mich als Hersteller oder Großhändler in einer zunehmend plattformbasierten B2B-Welt?
Viele Unternehmen stehen vor der Entscheidung, ob sie auf Eigenplattformen setzen, auf bestehende B2B-Marktplätze gehen oder hybride Modelle verfolgen. AI Discovery Files sind in allen drei Szenarien relevant:
Eigenplattform: Wer einen eigenen Shopware-Shop betreibt, schafft mit AI Discovery Files die Voraussetzung, dass dieser auch von externen Systemen gefunden und genutzt wird. Datensouveränität bleibt gewahrt, Reichweite wird erhöht.
B2B-Marktplätze: Auch auf Marktplätzen wie Amazon Business, Mercateo oder branchenspezifischen Plattformen spielen strukturierte Daten eine zentrale Rolle. Die Pflege dieser Daten im eigenen Shop erleichtert die Anbindung erheblich.
Hybride Modelle: Viele Unternehmen setzen auf Multi-Channel-Strategien. AI Discovery Files ermöglichen es, dieselben Datenstrukturen kanalübergreifend zu nutzen und so Effizienz und Konsistenz zu steigern.
Die Frage ist nicht, ob Sie auf KI-gestützte Prozesse setzen sollten, sondern wie schnell Sie die notwendigen Grundlagen schaffen. Wer heute investiert, sichert sich morgen Wettbewerbsvorteile.



